Weltwärts Abschlussbericht von Isabel Schmitt

Einleitung

Jetzt also wirklich. Ein Abschlussbericht. Abschließen. Und zwar ein weiteres Kapitel aus meinem Leben – Erinnerungen und Erfahrungen aus 21 Monaten am besten auf maximal 4 Seiten (schon mal vor ab, es sind knappe 7) dezimiert. Also erstmal zurück zum Anfang…

Schon lange vor meinem Abitur war klar, dass ich eine Zeit lang weg will, Erfahrungen sammeln, andere Sprachen, Menschen und Kulturen kennen lernen. Anfangs war zunächst unklar, wo ich meinen Weltwärts (ww) -Freiwilligendienst absolvieren will. Da jedoch schon in meiner Kindheit, als mein Vater als Entwicklungshelfer in Thailand gearbeitet und die ganze Familie mit von der Partie war, die Weichen gelegt wurden, er zudem Mitglied von between-borders e.V. (damals noch Helfen ohne Grenzen Deutschland) und Koordinator für das ww-Programm von between borders ist, war es nahe liegend, dass ich mich schließlich für eine Einsatz mit between-borders e.V. bei der Help without Frontiers Thailand Foundation (HWF) als Partnerorganisation entschied. HWF kümmert sich nun seit mehr als 10 Jahren um die von der Militärregierung vertriebenen und vom Bürgerkrieg bedrohten Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten aus Burma (Myanmar). Die verschiedenen Projekte, vor allem Bildungsprojekte, werden von Mae Sot aus, betreut. Mae Sot liegt in West-Thailand, direkt an der burmesischen Grenze.

Aus dem Freiwilligenjahr wurden, nach Verlängerung 21 Monate an meinem Einsatzort in Mae Sot.

Mein Aufgabenbereich und die letzten drei Monate

Drei Mal die Woche habe ich an einer der acht von HWF unterstützen Migrantenschulen, der Naung Bo Deng, unterrichtet. Sie liegt etwa 20 km außerhalb von Mae Sot, in einem Teakwald in der Nähe des Grenzflusses Moei. Die etwa 100 Kinder sind fast ausschließlich Karen, eine der vielen ethnischen Minderheiten aus Burma. Unterrichtet wird deshalb in Karen. Die Kinder lernen zudem Burmesisch, Thai und Englisch – angefangen im Kindergarten! Etwa 80 Kinder schlafen unter der Woche in der Schule, da ihre Eltern entweder in einem Dorf auf der anderen Seite des Flusses, also Karen-Staat, leben oder sich nicht mehr um sie kümmern, da sie entweder neue Familien gegründet haben oder finanziell nicht dazu in der Lage sind. Die meisten Familien arbeiten in der Landwirtschaft auf beiden Seiten entlang der Grenze. Einige Kinder sind verwaist. Aufgrund der langen Anfahrt und um einen besseren Draht zu den Kindern zu bekommen, habe ich seit meiner Verlängerung jeden Dienstag im Schlafsaal mit meinen Schülerinnen übernachtet. Also haben wir zusammen im See oder im Fluss gebadet, wo ich dann einige Male als Rettungsschwimmerin zum Einsatz kam. Wir haben Seife und Shampoo ausgetauscht und unsere Gesichter gegenseitig mit dem traditionellen Make-Up Thanaka, einer Holzmehlpaste, eingeschmiert und nach Abendessen und Beten/Singen, dann zusammen gespielt. Oft hat mir das  Verhalten eines „Kollegen“ oder auch fehlende Lernerfolge bei meinen Schülern, die Motivation und Lust am Unterrichten genommen und ließen mich oftmals zweifeln, ob das alles einen Sinn macht. Vor allem auch, weil einfach so viele Schüler als Schulaussteiger enden. Die Gründe sind oft schwierige familiären Situationen oder finanzielle Not. Zwischendrin gab es jedoch auch immer wieder Situationen, die mir zeigten, dass die Anstrengung und Energie es eben doch wert waren, wie zum Beispiel, als ich mit den Kleinen gerade auf dem Rückweg vom Baden war. Ein Schüler kam aufgeregt hinzu und erzählte etwas „Teacher, teacher..“, der Rest auf Karen. Als sie sahen, dass ich es nicht verstehe, haben sie angefangen ein Lied, das ich mit ihnen geübt habe zu singen und betonten und stoppten bei „fireside“. „Fire?“ – „Fire!“ – wie sich herausstellte, gab es einen kleinen Brand in Schulnähe, der von den älteren Schülern gelöscht wurde. Ich war überglücklich, darüber wie sie sich das Wort hergeleitet haben und zu sehen, dass sie ja doch etwas gelernt haben. Zudem habe ich vor allem im 2. Jahr festgestellt, wie viel meinen Schülern meine Anwesenheit bedeutet. Die Kleinen haben sich umgedreht, übers ganze Gesicht gestrahlt und waren ganz hibbelig, wenn ich in Richtung ihres Klassenraumes kam. Das hat mir auch gezeigt, dass sie Spaß an meinem Unterricht hatten, da sie dort oftmals mehr Kind sein durften, als in den anderen Fächern. Mit singen, malen, rätseln und spielen habe ich meinen Unterricht abgerundet. Da es in der Schule weder Computer noch Drucker gab, gab es nur in meinem Unterricht Aufgabenblätter mit schönen Bildern. Die Mädchen haben jedes Mal wenn ich mit Schlafsachen angekommen bin vor Freude gejubelt. Gleichzeitig habe ich mich schlecht gefühlt, ihnen ab und an, wegen anderer Aufgaben, absagen und sie enttäuschen zu müssen.

Wenn etwas Freizeit war, wurde ich oft von Schülern und Lehrern eingeladen, mit in Dörfer auf der anderen Seite des Flusses mitzukommen. Ich schätze es sehr, dass ich sehen durfte, wo meine Schüler herkommen, ihre Eltern und Geschwister kennen zu lernen und diese unglaubliche Gastfreundschaft zu erleben, denn selbst wenn die meisten Familien sehr arm sind, rennt immer ein Familienmitglied zum nächsten kleinen Laden und holt Softgetränke oder Instant-Kaffee. Nehmen oder ablehnen? – Eigentlich schmecken einem ja die süßen, bunten Getränke oder das Gebäck nicht mal, die sie einem zustrecken, während man auf dem Boden in einer kleinen Bambushütte sitzt und neugierig angeschaut wird. Der ‚Thera mue Gorlawa’ (Englischlehrerin) wollen sie etwas Besonderes bieten und – auch wenn man sich fast schämt, es anzunehmen – eine Ablehnung ihres Angebotes, würde auch irgendwie bedeuten, sie abzulehnen. Die Menschen haben ein komplett anderes Verständnis von Gastfreundschaft und so haben die Sachen, die man angeboten bekommt, oftmals den Beigeschmack eines „schlechten Gewissens“. Doch dank ihrer Überredens-Künste, ist es mir fast noch nie gelungen, etwas abzulehnen.

Nach den Prüfungen wurde ich auch zum alljährlichen Picknick am Grenzfluss Moei eingeladen. Schüler, Lehrer und Eltern kamen mit um dort gemeinsam zu essen, spielen und baden. Anstatt Schwimmringe und –flügel haben die Kinder einfach den vorbeischwimmenden Müll, z.B. Styropor oder ganze Kühlschrankteile, verwendet. Nachdem ich schon vom Toben im Wasser ziemlich erschöpft war, da die Kleineren sich gerne stromaufwärts ziehen oder über tiefere Stellen ans andere Ufer transportieren lassen, wollten die Lehrerinnen mich zum Sprintwettkampf – im Sand – überreden und haben es nach meinen hoffnungslosen Ablehnungsversuchen schließlich geschafft. Kurz vorm Ziel (ich lag vorne), bin ich natürlich hingefallen. Eine Grenzerfahrung gab es dann auch noch obendrauf, als meine Lehrer mich auf einen „dead man“ im Sand hingewiesen haben, dessen Schädel zertrümmert sein solle. Viele von denen gäbe es wohl hier im Gebiet und dass es oftmals Spione der burmesischen Armee seien, die von der Rebellenarmee der Karen aufgespürt und getötet wurden. Sie fragten mich ob ich ihn sehen wolle – „nein danke“.

Zum Abschluss habe ich beschlossen, anstatt einer Feier, einen Ausflug mit allen Schülern und Lehrern zu unternehmen. Am Abend zuvor habe ich noch ein letztes Mal mit den Kindern gespielt und viele haben mir Bilder gemalt, da ich ihnen neue Stifte und Material mitgebracht habe. Früh morgens machten wir uns zu Fuß auf den Weg zum ca. fünf Kilometern entfernten „Gate“ (inoffizieller Grenzübergang am Fluss), wo wir mit dem Boot übersetzten. Auf der anderen Seite wurden wir schon von Eltern und Geschwistern erwartet und auf die verschiedenen Ladenflächen der fünf Tok Toks (kleine Traktoren) verteilt. Der Wasserfall entpuppte sich (danke, Trockenzeit!) als kleine Quelle und ich folgte meinen Kindern auf einen kleinen Hügel, wo ein buddhistisches Fest gefeiert wurde und wir natürlich aufgefordert wurden zu essen. Unten angekommen wurde dann zusammen gespielt, gegessen und gesungen. Natürlich wurde auch ich, wie bei allen anderen Veranstaltungen aufgefordert zu singen. Wie gut, dass ich meine Schüler mich dabei unterstützen konnten. Was ich im Nachhinein wirklich bedauere ist, dass ich mich nicht wirklich verabschiedet habe. Da schon der Fahrer auf Thai-Seite auf mich wartete um die Musikschüler und mich zum Studioraum zu bringen und ich zuvor keine richtige Rede gehalten hatte, konnte ich nur noch einige Schüler kurz unter Tränen in den Arm nehmen, „I‘ll go back to Germany..“ sagen und ihnen zuwinken. Ich weiß nicht einmal ob sie wussten, dass es mein letzter Tag mit ihnen war. Denn in den Ferien, als ich noch einmal zur Schule fuhr, waren nur 11 Kinder dort, da der Rest in den Ferien zurück bei den Familien ist.

Hier ist ein Video, das ich für meine Schüler gemacht habe. Das Material ist vor allem in der zweiten Hälfte meines Aufenthalts entstanden.

NBD Abschiedsvideo:
https://vimeo.com/66008180

Auch bei dem Music Project, das ich schon seit meiner Anfangszeit in Mae Sot als Freiwillige begleit habe, war in den letzten Monaten nochmal einiges los.

Bevor es zum Verabschieden kam, sollten nämlich die Aufnahmen im Studio und das Musikvideo zum neuen Song „Traffic Rules“ fertig gestellt werden. Der Musikunterricht ist im Februar und März aufgrund der Prüfungen Größtenteils ausgefallen. Deshalb hatten wir ziemlich Zeitdruck. Zuerst haben wir für das Video einen Hintergrund gemalt: Sprühfarben auf ein altes Plakat. Den Schülern und mir hat die Arbeit sehr viel Spaß gemacht und wir haben darauf geachtet, dass jeder einen kleinen Beitrag leisten konnten. Am Abend wurde mit den Kindern in Gruppen eine kleine Choreografie einstudiert, später wurde diese in einem kleinen Wettkampf in Gruppen gezeigt. Am nächsten Tag sind wir mit den Schülern in eine Bauruine gefahren, das mit seinen Graffitis und Platz, als gute Kulisse für ein Hip Hop Lied erschien. Die Choreografie hat nicht perfekt gesessen, trotzdem hat es Spaß gemacht und die Kinder wurden anschließend mit einem Eis belohnt.

Ende März haben dann die Studioaufnahmen mit den Kindern in Englisch und Burmesisch stattgefunden. Da die wenigsten mit Rap vertraut waren, waren sie zunächst schüchtern. Durch das „zum Affen machen“ und Animieren durch uns Freiwillige, haben sich am Ende doch einige Rapper hervorgetan und wir hatten eine Menge Spaß.

Music Video über Verkehrsregeln:
http://www.youtube.com/watch?v=kJDuwa6BZ2Y:

Belohnung für die Anstrengungen im Studio gab es am darauf folgenden Tag am „Pacharoen“ Wasserfall, ca. 40 km entfernt von Mae Sot. Der Ausflug sollte auch gleichzeitig mein Abschied sein. Am Abend zuvor hatten wir schon dafür gekocht. Schon im Bus wurde viel gelacht und gesungen, auch eigene Lieder. Dort angekommen ging es gerade so weiter, die Gegend um den Wasserfall wurde entdeckt, gebadet, gespielt und natürlich wurde gepicknickt. Am Ende stand auch die obligatorische Abschiedsrede an, die ich aufgrund von emotionalen Ausbrüchen am liebsten ausgelassen hätte. Nachdem alle noch einmal gedrückt worden waren und Fotos gemacht wurden, ging es zurück, wo ich die Schüler bis zu den Schulen begleitete, um nochmal persönlich Abschied zu nehmen. Die Beziehung zu den Schülern ist meiner Ansicht nach perfekt. Sie sehen mich als Schwester oder Freundin, bringen mich zum Lachen, stellen Fragen, bitten um etwas, trauen sich, machen sich manchmal über mich lustig (aber liebenswert) und haben trotzdem Respekt und folgen Anweisungen, wenn es darauf ankommt. Ich wollte ihnen die Angst vor „Ausländern“ nehmen und denke, dass dies doch sehr gut gelungen ist und diese Schüler teilweise in der Lage sind auf andere offen zu zugehen und ihre Englischkenntnisse an anderen ausprobieren können.

Während des letzten Jahres ist auch das Produzieren von Videos für HWF als Aufgabe im Vordergrund gestanden. Angefangen mit einem kleinen Video über das Sommertraining letzten Jahres, über die 10-Jahresfeierclips und Interviews über Projekte von HWF, Zusammenfassungen von Veranstaltungen, Musikvideos, bis hin zu kurzen Dokumentationen mit dem Jugendprojekt. Diese habe ich bei Veranstaltungen und Trainings unterstützt, sowie des Öfteren die Homepage aktualisiert, also Berichte geschrieben, Fotos oder Videos hochgeladen.

Auch Urlaub hatte ich ….

Nachdem die meiste Arbeit getan war, habe ich beschlossen die letzten Wochen vor meiner Rückkehr nach Deutschland zum größten Teil in Burma zu verbringen. Da die Wochen vor der Abreise durch eine nie zu enden wollenden To-Do-Liste bestimmt wurden, war wenig Zeit etwas zu planen. In Mandalay angekommen, fiel dann erst einmal der Stress und die Last der letzten Wochen von mir ab und ich war total überwältigt und zermartert – nicht zuletzt durch die Hitze und Trockenheit in Zentralburma. Nach ein bisschen „Sightseeing“ ging es dann ab in den Nordwesten in die Stadt Kalay Myo, zu einem Freund, den ich aus Mae Sot kannte. Seine Familie, die einen Teeladen/ Restaurant besitzt, hat mich herzlich willkommen geheißen. Jeden Tag wurde ich mit leckeren burmesischen Spezialitäten durch gefüttert und aus den geplanten 5 Tagen wurden schließlich 10 in denen ich so manch burmesisches Wort dazu gelernt habe. Auch seine Schwestern haben die Möglichkeit genutzt mehr Englisch zu lernen. Sie gaben mir das Gefühl wirklich Mitglied ihrer Familie zu sein und zuletzt sogar den Namen „Tochter mit dem goldenen Haar“, was den Abschied wiederum schwer gemacht hat.

Von dort ausgehend haben wir abenteuerliche Ausflüge in den touristisch nicht erschlossenen Chin Staat gemacht, bis hin zur indischen Grenze. So habe ich viel von diesem Bergvolk erfahren und gesehen – vor allem viel Armut.

Nach einigen Tagen in Monywa – kein Tourismus aber viele kulturelle Sehenwürdigkeiten – stand dann vor allem noch das fünftägige Wasserfest, Thingyan, das ich ja schon vom Vorjahr aus Mae So kannte, in der ehemaligen Hauptstadt Yangon auf dem Plan.

Die Reise ging weiter, denn bevor es endgültig nach Haus gehen sollte, wollte ich noch nach Prachuap Khiri Khan fahren, die Stadt, in der wir 1993 bis 1996 gelebt haben, als mein Vater dort als Entwicklungshelfer tätig war. Von unserer ehemaligen Nachbarin und ihrem Sohn wurde ich herzlich aufgenommen und in deren Haus untergebracht. Auch dort wurde ich wieder rührend umsorgt, konnte noch einmal frische leckere Meeresfrüchte und gutes Thaiessen genießen, sowie Orte aus meiner Kindheit besuchen. Auch dort habe ich wieder einen Namen („deutsche Tochter“) bekommen, womit ich überall vorgestellt wurde.

Es war einfach wunderbar, wie ich in diesen letzten Wochen, sowohl in eine Burmesische als auch eine Thailändische Familie aufgenommen wurde, diese Kulturen, Sprachen und Gastfreundlichkeit noch einmal hautnah erleben zu dürfen, „drin“ zu sein und nicht nur von außen beobachtend. Dies hat die fast zwei Jahre in der nicht so ganz fremden Fremde, perfekt abgerundet.

Die letzte Woche und der Abschied

Zurück in Mae Sot hat mich allerdings der Stress wieder eingeholt. Das Musikvideo war noch nicht ganz fertig, in der Schule musste ich mich noch von den wenig gebliebenen Schülern verabschieden und es wurden Vorbereitungen für eine Fundraising Veranstaltung getroffen werden. Bei dieser wurde Geld für die Opfer eines Verkehrsunfalls an einer von HWFs Schulen gesammelt. Auch die Musikschüler durften mit zwei Liedern auftreten. Alle Freiwilligen haben mir angepackt, aufgebaut, gekocht, und und und. Da ich die ganze Zeit am hin und her rennen war, war der Gedanke, dass dies mein letzter Abend in Mae Sot war, nicht präsent. Erst als ein bisschen Ruhe einkehrte, die Musikschüler noch einmal verabschiedet waren, drängte sich dieser immer mehr in den Vordergrund und machte mich traurig. Die meisten meiner Kollegen habe ich noch am Abend verabschiedet. Am nächsten Tag ging es zum letzten Mal ins Büro um dem ROY Team und der Haushälterin, die wir „Mama Mee chi“ nennen und zum letzten Mal den Musikschülern „Tschüss“ zu sagen, kurz bei Kolleginnen vorbei und schließlich bei uns zu Hause, ein kleines Abschiedsessen mit Freunden, nachdem ich in aller Eile meine Sachen gepackt habe. Das hat sich schrecklich angefühlt. Ich wusste nicht wo ich anfangen sollte, das Leben von knapp zwei Jahren in Mae Sot in einen 60-Liter-Rucksack zu packen.

Durch den Stress und das Reisen zuvor, hatte ich dieses „alles aufgeben“ zuvor total ausgeblendet. Zuvor war ich auch der Meinung, dass es jetzt genug ist, dass ich Lust auf was Anderes, einen Neubeginn, Lernen/ Uni habe, dass Mae Sot eben doch nur eine „Haltestelle“ auf der Strecke des Lebens ist, dass sich dort alles so schnell verändert und das Kommen und Gehen, der Menschen, die man zu mögen beginnt auch anstrengend ist und etwas mehr Beständigkeit mir vielleicht doch mal gut tun würde.

Fazit

Jetzt bin ich schon fast zwei Monate wieder zurück in Deutschland. Da stand ich im April, mir etwas fehl am Platz vorkommend, mit Flipflops am Flughafen Frankfurt im eiskalten Deutschland. Wie erwartet war das Ankommen, das Wiedereingliedern nicht einfach. Alles war irgendwie fremd.

Bin ich im richtigen Umfeld, wenn Menschen in Deutschland über das deutsche Schulsystem, Gesundheitswesen oder den Zustand auf den Straßen schimpfen? Und versteht mich jemand? Ich erzähle gern; gerne auch mal über die Frage „Und wie wars?“ hinaus, aber wie geht das mit Leuten, die sich das nicht richtig vorstellen können? Ich habe einfach nicht das Gefühl richtig verstanden zu werden, weil dem Gegenüber die Nähe und der Bezug zu MEINEM Erlebten fehlt und ich dann das Gefühl habe, meinen Erfahrungen nicht überzeugend wiedergeben zu können.

Hinzu kam der deutsche Zeitdruck. Mir wurde bewusst, dass Uhr und Datum (abgesehen von meinen Arbeitszeiten habe ich das in Thailand nämlich meist völlig außer acht gelassen) hier auch im Privatleben eine große Rolle spielen. Termine und Verabredungen wollte ich ganz vermeiden und habe versucht dem mit einer großen Spontanität und Planlosigkeit entgegenzuwirken.

Gleichzeitig lernt man vieles „Deutsche“ auch zu schätzen, z.B. ist es einfacher sich in der eigenen Sprache und vor allem Kultur wieder verständigen zu können. Gut, dass ein Ja hier Ja heißt und ein Nein, Nein. In Thailand heißt es (wegen des Gesichtsverlustes) eigentlich immer Ja. Durch ein klares Nein, weil es einfach zeitlich nicht im Rahmen lag, bin ich schon mit einer Kollegin angeeckt und noch immer bestehen da kleine Diskrepanzen. Auch wenn ich mich an die Dokumenationsvideoarbeit im Team zurück erinnere, wo ich definitiv an meine Geduldsgrenzen gestoßen bin, da nie ein Nein kam, sondern ich immer nur vertröstet wurde. Da wird man nicht nur in Gelassenheit und Geduld, sondern auch in Hartnäckigkeit, geschult.

Auch mit der Einstellung, dass man sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten einmischen („That’s not your business“) solle, bin ich nicht richtig klar gekommen. Nicht nur weil ich allgemein neugierig bin, sondern auch, weil man in Deutschland Zivilcourage „erlernt“. Soll ich wirklich einfach vorbei gehen, wenn ein junges Paar auf der Straße laut streitet und er handgreiflich wird?

Oder das Verständnis von Karma und Reinkarnation im Buddhismus. Zwei Freunde haben erzählt, dass sie mich mögen und mir helfen würden, wenn ich nach einem Unfall verletzt auf der Straße liegen würde, was ich als selbstverständlich betrachtet habe. Als ich nachfragte, ob sie dies bei Fremden nicht tun würden, antworteten sie, nein, denn dann hätte diese Person etwas Schlechtes getan und verdient zu sterben.

Das Verantwortungsgefühl für seine Mitmenschen, Verlässlichkeit und die Ehrlichkeit, Nein zu sagen oder auch mal Kritik zu äußern, haben mir oft gefehlt.

Genauso wie grüne, saubere Wiesen, in die man sich einfach rein fallen lassen kann, frische Luft, unsere vier Jahreszeiten, Schokolade und selbst gekochtes Essen, dass man Wasser unbedenklich aus der Leitung trinken kann, den Komfort von zu Hause und der Familie, die Schultern und Worte von vertrauten Freundinnen.

Jetzt fehlen mir die vielen kleinen Garküchen entlang der Straßen und Märkte, die brühend heiße Suppe in Tüten verpacken (der Müll und Gestank drum herum werden ausgeblendet), die stagnierende, schwüle Luft, der verrückte Verkehr mit den überbeladenen Pick-Ups und den Typen, die lässig auf der Ladung liegen, das Motorradfahren, der Geschmack der Ananas, Mangos und Lychees, die tropischen warmen Regenergüsse, die Menschen, die man schon alleine mit Thanaka auf den Wangen zum Lächeln bringen kann, die Sprachen, die Leichtigkeit des Lebens und die Gelassenheit, meine Schüler und alle Menschen, mit denen ich in dieser wunderbaren Zeit zu tun hatte.

George Orwell hat in seinem Buch „Tage in Burma“ geschrieben:

„He had sent deep roots, perhaps his deepest, into a foreign country“. Vielleicht bin auch ich in einem fremden Land bzw. Mae Sot, dem „Kleinen Burma“, am allertiefsten verwurzelt. Die Nostalgie zieht mich zurück. Aber Neugierde und die Lust auf was Neues und schließlich auch die Vernunft halten dagegen.

Ja, ich bin dankbar, dass es Programme wie weltwärts gibt, und Organisationen, die es jungen Leuten ermöglichen für eine solch lange Zeit freiwillig zu arbeiten und wertvolle Erfahrungen machen. Auf der anderen Seite betrachte ich es aber auch kritisch, dass (meistens) noch unqualifizierte junge Menschen diese Möglichkeit haben, unsere Grenzen aber häufig geschlossen bleiben, wenn Nichteuropäer, um ein 1 Jahres Visum ersuchen.

Durch ständiges Hinterfragen unserer Konsumgesellschaft und das Kennenlernen anderer Lebensmodelle, habe ich erkannt, dass ein hoher Lebensstandard nicht die Voraussetzung für Glück ist.

Doch nicht zuletzt sind vor allem die Industriestaaten für viel Unglück in der Welt verantwortlich. Ob nun durch die Gier nach Öl oder den Klimawandel. Auch in Mae Sot und Umgebung kam es dieses Jahr wieder zu schweren Überflutungen während der Monsunzeit. Viele sowieso schon sehr arme Menschen verlieren alles was sie besitzen. Vor allem der Westen muss realisieren, einen Gang herunter zu schalten und gemeinsam mit betroffenen Ländern Lösungen zu finden, damit Leben überall lebenswert ist und um eine zukunftsfähige Welt für ALLE gestaltet werden kann. Ich möchte an diesem Prozess teilhaben und entwicklungspolitisch aktiv werden.

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