Kinästhetik in Loi Kaw Wan

Kinästhetik ist eine Methode menschliche Bewegung zu verstehen, zu analysieren und Anhand der Erkenntnisse z.B. die Mobilisation von Kranken Menschen zu planen und zu strukturieren. Hört sich abstrakt an.

Ich bin neben meiner Arbeit für Helfen ohne Grenzen und meinem Hauptberuf als Intensivpfleger auch als Lehrer für Kiästhetik unterwegs. Ich schule hier Pflegepersonal.

Im November 2010 besuchte ich zusammen mit Karl Förster die Grenze zum Shan-Staat. Wir schauten uns die Entwicklung der Projekte die ’Helfen ohne Grenzen’ unterstützt an und besuchten noch viele andere Orte beidseits der Grenze um evtl. Hilfsbedarf festzustellen und zu diskutieren ob wir helfen können oder Hilfe vermitteln werden.

In Loi Kaw Wan traf ich einen alten Bekannten wieder. Vor 2 Jahren fiel er während seiner Arbeit als Schreiner vom Dach und verletzte sich an der Wirbelsäule. Die Folge war ein inkompletter Querschnitt. Oberkörper und Arme kann er bewegen aber von der Hüfte abwärts ist nicht mehr viel Gefühl. Eine diagnostische Methode um Genaueres zu erfahren gibt es diesseits der Grenze nicht.

Wir kauften damals einen Rollstuhl und ich hatte ein paar Stunden Zeit, einigen Medics eine Methode zu zeigen, wie man feststellen kann, ob und wieviel Gefühl noch in den Beinen ist und dieses zu fördern. Weil sie Angst hatten, etwas falsch zu machen, wendeten sie diese Methode aber leider nie an.

Nun war ich wieder vor Ort und hatte etwas mehr Zeit.

Nov. 2010: In Loi Kaw Wan angekommen besuche ich natürlich Ong Kyau wieder. Er sitzt in unserem alten Rolli und scheint mir als einziger Patient im Lagerkrankenhaus (in der trockenen kalten Jahreszeit gibt es erheblich weniger Infektionskrankheiten und Unfälle) dort oben sehr, sehr einsam. Sein Bewegungsradius ist sehr stark eingeschränkt, weil das Gelände, in dem das Camp liegt, wildes Bergland ist und er hier mit dem Rollstuhl max. 70-80 meter weit kommt. Familie ist keine da. So schaut er hinunter ins Lager oder, wenn der Generator läuft, Fernsehen.

Diesmal hatte ich 2 ganze Tage Zeit um mit den medics zu arbeiten. Ein großer Teil ist vom letzten Mal auch noch dabei. Ich verabredete mich mit zwei der Verantwortlichen, dass wir uns um 9Uhr des Folgetages oben im Krankenhaus treffen wollen. Kommen durfte, wer Interesse hat. Ich wollte das Ganze komplett auf die Arbeit mit Ong Kyau ausrichten.

Eine Sache machte mir im Vorfeld ein wenig Sorgen. Die Shan sind ein sehr konservatives Volk mit strengen Regeln was den Umgang zwischen den Geschlechtern betrifft (vielleicht vergleichbar mit der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei uns). Das sich nicht Verheiratete anfassen und das evtl. gar an Stellen, die quasi unschicklich sind, ist hier schier undenkbar. In unseren Kinästhetik-Seminaren bleibt das aber nun mal nicht aus da wir uns mit der Mobilisation stark eingeschränkter Menschen befassen.. Wir haben das angesprochen und zunächst nur verabredet, in den Partnerübungen wenn möglich Gleichgeschlechtliche Paare zu bilden. Allerdings dachte ich, es würden sowieso fast ausschliesslich Frauen kommen.

Weit gefehlt! Am nächsten Morgen warteten 14 Teilnehmer. Davon gut die Hälfte junge Männer. Der Weg, hinauf ins Krankenhaus ist für viele von ihnen sehr weit und führt bergauf und bergab durch die verschiedenen Sektionen des Lagers. Ong Kyau wartete auch, gespannt auf die Abwechslung und seinen Fotoapparat im Anschlag.

Mein Freund Bay Da und die Hebamme fungierten als Übersetzer. Zunächst ging ich noch mal auf die Situation von Ong Kyau ein. Er selbst beschrieb uns was er in den Beinen fühlt. Am schlimmsten sei für ihn die kalte Jahreszeit zwischen November und März, dann kriecht ihm die Kälte in die Beine und er hat Schmerzen.

Wir sprachen über die positiven Auswirkungen die tägliches passives Durchbewegen auf seine Beine haben würde im Bezug auf Durchblutung, Beweglichkeit, Wahrnehmung etc.

Das große Problem ist, dass 2 Jahre nichts lief mit Bewegen.

Nun wurden zunächst Paare gebildet. Der Arbeitsauftrag: ein aktiver Partner bewegt dem passivem Partner unter Anleitung ein Bein durch alle Gelenke von den Zehen bis hoch zum Becken in alle Richtungen durch. Dann ließ ich die Teilnehmer/innen beide Beine vergleichen. Alle waren fasziniert wie deutlich der Unterschied zu spüren ist. Ich schlug den Bogen zu Ong Kyau u. unterstrich die Wichtigkeit, diese Übung 1x tgl. durchzuf¸hren.

Nun gingen wir alle Positionen durch die er brauchen würde um vom Rollstuhl in den Stand zu kommen. Wir besprachen mit ihm, welche der Zwischenpositionen er selbst einnehmen kann und wo er Hilfe braucht. Unsere medics sollten erst Position für Position sicher mit Ong Kyau einüben und dann den nächsten Schritt angehen. Sie würden zunächst sicher 3-4 Personen brauchen um z.B. ein sicheres Stehtraining zu gestalten. Alle hatten einen Mordsspass beim üben der Einzelschritte. Es war für alle das erste Mal, dass Unterricht nicht frontal stattfand sondern das wir alle gemeinsam übten. Auch die Mann/Frau Frage hatte sich mittlerweile ziemlich erledigt. Es war nun ein ungezwungener Ergebnisorientierter Umgang miteinander.

Interessant für mich war, das diese meist jungen Leute, die teilweise furchtbare Dinge gesehen und erlebt hatten und sich immer noch in einer recht schutzlosen Situation befinden, denen in meinen Kursen in Deutschland so sehr glichen. Dort in Loi Kaw Wan kommen sie aus einer Welt, die sich so sehr von unserer unterscheidet. Keiner von ihnen ist jemals in einem Bus gefahren, hat je in Frieden gelebt, hat je in einem Bett wie wir es kennen, geschlafen oder heisses Wasser aus dem Wasserhahn gehabt. Und doch, wenn es um Bewegung geht, sind wir uns so gleich.

Der Anfangs so abstrakte Begriff ’Kinästhetik’ hat hier in Loi Kaw Wan mit Ong Kyau einen ganz konkreten Bezug bekommen.

Mit dem Nennen von Namen und dem Ziegen von Gesichtern im Internet muss ich vorsichtig sein. Die wenigsten wollen im Internet zu sehen sein. Alle wollen sie einmal wieder nach Hause in den Shan-Staat. Aber der burmesische Geheimdienst durchforstet das Internet nach Inhalten und Gesichtern und es kam auch schon vor, dass Leute auf Fotos erkannt wurden und sie selbst oder Angehörige Repressalien zu erleiden hatten. Der Aufenthalt in einem Flüchtlingscamp und die Zusammenarbeit mit Ausländern reicht da schon. Von allen, die auf unseren Fotos zu erkennen sind, habe ich das O.K..

Alle wollten weitermachen und ich konnte nur versprechen, dass ich ihnen DVD und Buch zum Thema schicken werde. Vor allem aber wollte ich diesmal den Beweis dafür, dass sie, wie versprochen, mit Ong Kyau arbeiten würden. Fotos o. ähnliches sollten da wohl reichen. Das er je wieder auf die Beine kommt oder sogar wieder gehen wird, dass können wir alle nicht wissen. Aber für den Versuch ihn auf diesem Weg ein Stück voran zu bringen, versprach ich bei meinem nächsten Besuch ein Fest für alle zu schmeissen. Und darauf freue ich mich schon sehr. Denn wiederkommen werde ich ganz sicher.

Marcus Mitwollen

(1)der Name von Ong Kyau ist geändert

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