weltwärts-Abschlussbericht von Sarah Petschow

Für ein Jahr ins Ausland zu gehen, ist für viele junge Menschen ein Traum und ich bin da keine Ausnahme. Mit diesen Worten habe ich letztes Jahr meinen ersten Quartalsbericht eröffnet.
Der Traum hat sich erfüllt und das Jahr ist vorbei.

Als ich vor 2 Wochen die ersten Schritte aus dem Frankfurter Flughafen tat, war ich mindestens ebenso überwältigt, wie ein Jahr zuvor in Bangkok.
Die Luft war klar und schneidend und mir wurde bewusst, wie sehr ich mich an das tropische Klima gewöhnt hatte.
Mit diesem ersten Atemzug nahm ich auch andere Dinge wahr: die Sprache die mir so vertraut ist und mir in diesem Moment doch so fremd vorkam (etwas auf Deutsch zu bestellen, kam mir nie unnatürlicher vor), die geregelten Straßenverhältnisse, das alle Autos auf der falschen Straßenseite fuhren und natürlich die Kälte.
Erst diese Eindrücke machten mir wirklich klar, dass mein Jahr vorüber ist.

Die letzten 3 Monate vergingen rasanter als alle zuvor.

Während der Sommerferien unterrichtete ich gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen aus Südtirol unsere Youth Peer Gruppe. Diese 20 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 wurden ihren Fähigkeiten entsprechend in 2 Gruppen aufgeteilt. Von Montag bis Freitag erhielten sie Unterricht in Englisch, Thai und Computer.
Schon vorzeitig hatte ich angefragt, ob ich die Englisch- Fortgeschrittenen Gruppe unterrichten dürfte. Das war mir ein besonderes Anliegen, da ich in meiner Schule die Grundschüler unterrichtete und mich etwas neues reizte.
Diese Jugendlichen zu unterrichten, bereitete mir wirklich außerordentliche Freude. Denn obwohl mir auch das Unterrichten an meiner Schule Spaß bereitete, war dies noch einmal eine ganz andere Unterrichtserfahrung. Es ist erfrischend Jugendliche zu unterrichten, mit denen man sich tatsächlich in Englisch verständigen kann, ohne Hand und Fuß in Anspruch nehmen zu müssen.
Natürlich haben wir daraufhin Konversationen in den Fokus des Unterrichts gesetzt, um diese Kinder zu ermutigen und ihnen eine gewisse Routine im Umgang mit Ausländern zu geben.
Auch wenn ich sie nicht lange unterrichtet habe, sind mir diese außergewöhnlichen Kinder schnell ans Herz gewachsen und der Sommerkurs war nach meinem Empfinden viel zu kurz.

Am 1. Juni begann dann auch endlich der Unterricht an der P’Yan Taung Schule. Auf diesen Tag hatte ich mich lange gefreut, denn es bedeutete, dass ich meine Schüler und die anderen Lehrer wieder sehen konnte.
Doch statt der erwarteten Freude kam an diesem ersten Tag erst einmal ein Schock.
Denn nur einen Bruchteil meiner Schüler konnte ich unter diesen vielen Kindern ausmachen.
Tatsache ist, dass es zur Normalität einer Migrantenschule gehört, dass viele Kinder sehr unregelmäßig die Schule besuchen.
Ursache sind die Familien, die vielleicht umziehen müssen um einer neuen Arbeit nachzugehen oder das die Kinder anfangen müssen zu arbeiten.
Natürlich war mir das immer bewusst, aber nie habe ich dieses Wissen so deutlich nachempfinden können, wie an diesem Tag.
Als dann der tatsächliche Schulalltag begann, sah ich noch mehr bekannte Gesichter, was mir eine gewisse Erleichterung verschaffte.
Denn obwohl ich es begrüße wenn neue Schüler die Schule besuchen, konnte ich mir das Gefühl nicht verwehren, meinen letzten Monat mit jenen Schülern verbringen zu wollen, die ich schon kannte und über das Jahr hinweg ins Herz geschlossen hatte.
Eine andere Überraschung war, dass der Lehrer mit dem ich zusammen unterrichtet hatte, nun die höheren Klassenstufen unterrichten sollte und mir ein neuer Lehrer an die Seite gestellt wurde.
Die Zusammenarbeit stellte sich als eher holprig heraus.
Seine Lehrmethodik war mir zu sehr auf das Auswendig lernen fokussiert, was ich persönlich, beim Erlernen einer Fremdsprache, nicht als das wichtigste erachte.

Kurz bevor es wieder zurück nach Deutschland ging, kam der neue weltwärts Freiwillige an. Schon im Vorfeld hatte ich mich gefreut ihm alles zu zeigen, in der Hoffnung, dass all seine ersten Eindrücke, mich an meine Anfangszeit erinnern würden.
Viele Dinge werden im Laufe der Zeit zur Normalität und man nimmt es gar nicht mehr als etwas besonderes wahr: hinten auf einem Pick- up zu sitzen, die Laster mit ihren meterhoch gestapelten Ladungen und den Menschen die darauf hocken, durch die Straßen fahren zu sehen, oder die Tatsache von vielen Menschen angestarrt zu werden, weil man vielleicht eine Betelnuss isst.
Vor meinem Abschied habe ich versucht, all diese Dinge noch einmal ganz bewusst zu betrachten, um sie nicht zu vergessen.

Der eigentliche Abschied war dann zumeist ziemlich emotional.
In der Schule fand eine Abschiedszeremonie statt. Das Gefühl, wenn plötzlich 130 Kinder einen englischen Song anstimmen, ist kaum zu beschreiben.
Gerade weil ich weiß, dass ich viele von meinen Schülern wahrscheinlich nie wieder sehen werde, war der Abschied so hart.

In diesen Tagen habe ich mich öfter von Schülern, Lehrern, Arbeitskollegen und Freunden verabschiedet als mir lieb war.
Diese fielen alle unterschiedlich emotional aus, doch keiner fiel mir leicht.

Es ist schwer im Rahmen eines Berichtes die Gefühle und Erfahrungen eines ganzen Jahres zusammenzufassen, ohne das es den schalen Beigeschmack von Unzulänglichkeit in sich hat.
Die Worte: Nichts habe ich je weniger bereut als meine Entscheidung, ein Jahr in Thailand zu verbringen, reichen nur vage an die Wahrheit heran.
Mag sein das ich im Nachhinein vieles idealisiere und durchaus ausblende, dass ich auch Phasen hatte, in denen ich nicht so glücklich war.
Doch im Goßen und Ganzen habe ich in diesem Jahr unvergessliche Erfahrungen gemacht, verdammt gute Freunde gefunden und vor allem einen Ort entdeckt, an den ich unbedingt zurückkehren will.

Sarah Petschow, Rostock, August 2012

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